Handfärbungen versus Industriegarne, die aktuelle Diskussion in der Strickcommunity

(Werbung, unbezahlt und unbeauftragt, der Rest ist meine Meinung)

Meine vergangene Woche war nicht sonderlich terminintensiv, so dass ich mir die Zeit genommen habe, der aktuellen Diskussion, die gerade auf instagram stattfindet, zu folgen, mitzulesen und zu hören, zu recherchieren und versucht habe, mir da eine Meinung zu bilden, was bei den vielen Themen, die da plötzlich angesprochen wurden, gar nicht so einfach ist. Für alle die, die nicht auf insta unterwegs sind oder das nicht mitbekommen haben, versuche ich mal kurz, das irgendwie zusammen zu fassen.
Ausgelöst wurde die Diskussion am vorletzten Samstag. Aktuell bringen große Firmen, eine insbesondere, verstärkt handgefärbte Garne auf den Markt. Durch posts auf insta, die sich dagegen oder dafür – aus den verschiedensten Gründen- aussprachen, entstand eine für mich extrem spannende Diskussion, die Themen ansprach, die zu dem ursprünglichen Tenor “handgefärbte Garne versus Industriewolle” unglaublich viele Punkte aufbrachte. So viele Aspekte wurden genannt, dass ich fast etwas die Übersicht verloren habe (falls es etwas wirr wird, bitte entschuldigt schon mal). Es ging um Produktionsstätten, Nachhaltigkeit, Preispolitik, regional kaufen, fair produzieren, Tranzparenz, Umgang miteinander – auch auf social media, Respekt, Toleranz, Zielgruppen und noch so viel mehr.
Vorab möchte ich euch einmal meinen Werdegang als Strickerin erzählen, dann kann man vielleicht meine Sicht der Dinge gut nachvollziehen:
ich stricke, seit ich 5 Jahre alt bin, also knapp 48 Jahre. Da verstrickt man so einige Kilometer an Wolle. Klar, als Kind nimmt man das, was man so bekommt. Als Teenager habe ich für eine Arbeitskollegin meiner Mutter gestrickt. Diese hat in einem großen Kaufhaus in der Wollabteilung gearbeitet, konnte aber selbst nicht stricken und so habe ich Pullover für die Dame genadelt und mein Taschengeld aufgebessert. 50 DM habe ich für eine Pulli bekommen und sie hat die Wolle bezahlt. Das war viel Geld für mich. Zu dieser Zeit gab es noch Kurzwarenabteilungen und das ein oder andere Wollgeschäft hier in der Stadt, von Handfärber*innen hatte ich damals noch nie gehört, es gab nur unterschiedliche Qualitäten. Die Wollläden sind dann nach und nach ausgestorben, stricken war uncool, was den Wollkauf nicht gerade leichter machte. Irgendwann wurde es dann wieder mehr, das internet kam und es taten sich neue Welten auf. Die Wolle wurde bunt, die Auswahl immer größer und heute? Es ist ein Traum, was es für eine Auswahl gibt, man kann in Farben und Qualitäten schwelgen, herrlich…..
Und genau hier, an dem Punkt, beginnt für mich auch die Diskussion. Es gibt so viele Möglichkeiten, Garn zu bekommen und so viele Aspekte, nach denen ich mir ein Garn aussuchen kann. Das bedeutet aber für mich auch, dass ich Verantwortung übernehme. Ich versuche mal, darzulegen, wie ich Kaufentscheidungen treffe (nicht nur bei Garn sondern generell) Zuerst kommt der Bedarf (also brauche ich etwas, ist bei Wolle eher nicht so dringend), dann kommt die Prüfung, wo bekomme ich das? Vor Ort? Naja, obwohl ich in der Großstadt lebe, ist es gerade für das Hobby eher schwierig, das zu bekommen, was ich suche. Dann schaue ich, wie wird es wo hergestellt? Ja, ich recherchiere, wie und wo Dinge produziert werden und wie nachhaltig ein Produkt ist, welche Inhaltstoffe es hat. Und dann kommt der Preis. So ist es heute. So war es aber nicht immer. Ich hatte nicht immer die Mittel zur Verfügung, wie ich sie heute habe. Weder finanziell noch von der Möglichkeit, Wissen zu erlangen. Wo hätte man vor 40 Jahren erfahren, wie die Wolle produziert wird? Da ist es heute schon deutlich einfacher, man schreibt einfach eine mail. Es gab Zeiten, da habe ich Kaufentscheidungen nach dem Preis treffen müssen, entweder ich habe günstig gekauft oder länger sparen müssen. Je nach Produkt war es dann das ein oder andere. Es gab auch Zeiten, gerade als ich jung war, da habe ich etwas gekauft, um dazu zu gehören. Je älter ich werde, desto weniger muss ich das. Nachhaltig und umweltbewusst bin ich schon als Jugendliche gewesen, aber ich war nie perfekt und werde es wohl auch nicht. Ich erwarte das auch nicht von anderen, aber ich erwarte, dass Menschen nachdenken, respektvoll und tolerant miteinander umgehen.
Um das jetzt wieder auf das eigentliche Thema zu bringen: Handfärbung ist ein Handwerk und soll, wie jedes Handwerk, gerecht entlohnt werden. Die meinste Färber*innen haben eine wunderbare Farbsprache und stellen traumhafte, einmalige Unikate her. Sie legen ihre Arbeit transparent da und bieten einen super Service, der auch be-und entlohnt werden soll. Es sind meist Soloselbstständige oder Familienbetriebe, die man da unterstützt. Industriegarne werden in großen Mengen produziert, viele Firmen geben an, wo sie wie produzieren und was sie verarbeiten. Manche stellen es auf die homepage, andere antworten auf Nachfrage. Auch bei den großen Firmen gibt es einige, die sehr bemüht sind um gute Arbeitsbedingungen, Umweltschutz, Regionalität und Nachhaltigkeit. Aber alleine schon auf Grund der Menge und der Maschinen können große Firmen günstiger produzieren als der Handwerker. Für mich hat beides seine Berechtigung, der örtliche Wollladen möchte ja auch leben und neben Garnen gibt es hier auch persönliche Kontakte. Nicht jeder kann und will handgefärbe Garne verstricken, andere mögen kein Industriegarn. Ich persönlich verstricke tatsächlich beides und ich hoffe, das niemand wegen dem einen oder anderen schief angeschaut wird oder sich nicht zugehörig fühlt. Ich wünsche mir für mein liebstes Hobby Respekt und Toleranz untereinander. Wer bis hierhin gelesen hat, vielen Dank für´s durchhalten und vielleicht schreibt der ein oder andere mal, ob ihr die Diskussion mitbekommen habt und wie ihr darüber denkt?

Wer noch mehr Informationen zu der Diskussion möchte kann bei Jasmin von “mein gehäkeltes Herz ” vorbeischauen, hier entlang: https://meingehaekeltesherz.de/handgefaerbte-garne-kleine-handwerksstaette-oder-grosser-hersteller

Auf insta kann man sich bei jetztkochtsieauchnoch und rockthewool das instaTV anschauen, ebenso wie wie das von mclaughlinknits, die Aktion von GrosseWolle ist auch in diesem Zusammenhang entstanden, da gibt es so viele, wer mag, schaut mal vorbei und lest euch ein….

6 Replies to “Handfärbungen versus Industriegarne, die aktuelle Diskussion in der Strickcommunity”

  1. Ein schöner Beitrag der mir irgendwie aus der Seele spricht. 😁 Ich finde es super wenn man bei seinen Entscheidungen auch an die Umwelt… denkt. Denn oft machen wir es uns einfach zu leicht und vor allem lassen wir uns von der Industrie viel vorschreiben. Ich finde natürliche Wolle auch schöner aber leider vertrage ich sie nicht und somit greife ich dann doch zu Industriegarnen.

    Viele liebe Grüße deine nähbegeisterte Andrea 🍀

    1. vielen Dank für einen weiteren Aspekt, den habe ich so noch gar nicht bedacht. Aber schön, dass auch hier wieder für jeden etwas zu finden ist, hab eine schöne Woche

  2. Ich hab davon nix mitbekommen, bin aber grade weniger im Netz unterwegs und auf Insta eigentlich gar nicht.
    Ich verarbeite grundsätzlich erstmal alles, hab ja auch so einiges geerbt oder geschenkt bekommen.
    Am liebsten mag ich Baumwolle, ist natürlich und trotzdem nicht kratzig. Wir haben sehr empfindliche Haut, da reicht schon ein winziges Bischen Schurwolle, um sich zu kratzen.
    Handgefärbte Wolle ist schön, mir bisher aber meist zu teuer gewesen. Priorität lag auf anderen Dingen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ändert sich das vielleicht.
    LG von TAC

    1. Aus geerbtem oder geschenktem Garn etwas zu zaubern verleiht dem Stück ja auch noch einmal einen besonderen Reiz, hab noch schöne Ferien

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